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Was ist Brauchtum  2012

GTEV “Edelweiß” Hammerau-Ainring, Ainring, Berchtesgadener Land, Bayern

Ist es ein Brauch, wenn es fast jeder tut

Brauchtumskenner Sigi Götze referiert beim Trachtenverein Ainring

Im Zuge der Veranstaltungsreihe im Jubiläumsjahr zum 90jährigen Bestehens des Trachtenvereins Edelweiß Hammerau-Ainring lud die Vorstandschaft den bekannten und kompetenten Brauchtumskenner Sigi Götze aus Marquartstein ein, über dieses breite Thema zu referieren.  Maria Auer vom Trachtenverein Ainring als Organisatorin der Veranstaltungsreihe mit bereits vorausgegangenen Abenden in Bezug auf die Pflege der  Tracht und der richtigen Frisur zu Tracht freute sich sehr über den regen Besuch dieses Abends um das Brauchtum.

„Brauchtum übers Jahr leben im Alltag - braucht es dazu diesen Abend ?“  Sigi Götze stellte den interessierten Zuhörern provokant diese Frage in den Raum.  Er meinte sich selber die Antwort auf diese Frage gebend – Ja. Erst kürzlich habe er erlebt, dass ein Sprecher beim Passionssingen mit „Gschichtlerzähler“ angekündigt wurde. Wir er meinte, sei hier wohl die Wortwahl nicht ganz in Ordnung gewesen ohne das Wissen um das, was sich „gehört“. Wie aber ist echter Brauch zu erkennen?  „Es gibt dazu im Gegensatz zu z.B. Fußball keine festen Regeln“, so Sigi Götze.  Und Umfragen danach ergeben meist die Antwort: weiß ich nicht. „Ist das Hupen hinter dem Brautauto ein Brauch? Es tut ja fast jeder, dann wird es auch Brauch sein“, so der Referent. Wichtig für ihn sei beim Brauch, dass man voll und ganz dahintersteht. Wie definiert sich für uns  Brauchtum: Gesamtheit von vernünftigen Handlungen, damit ich menschenwürdig leben kann von der Wiege bis zur Bahre. Die Wissenschaft hat sich darauf festgelegt, dass Handlungen nach ca zwei Generationen (40 bis 50 Jahre) als Brauch anzusehen sind. Die Trägerschaft dafür sei an bestimmte Orte oder Gebiete gebunden, an eine bestimmte Zeit und eine Gemeinschaft übt den Brauch aus. Wenn eines dieser Kriterien fehle, sei es kein Brauch mehr, sondern eine Attraktion. Ein Paradebeispiel dafür das Aperschnalzen:  Örtlich und zeitlich streng festgelegt und von Gruppen gemeinsam ausgeübt. Annette Thoma definiert Brauchtum so:  Handlungen, die mir keiner vorschreibt und die Gesamtheit ausübt.  Brauch komme vom Wort „gebrauchen“.  Brauch dürfe keinen Schaden anrichten an Mensch, Natur und Vieh! Brauch habe nichts mit Geldverdienen zu tun!  Im Gegensatz dazu stehe der Missbrauch, bei dem Geld und Macht eine große Rolle spiele. „Brauchtum ist die Ruhebank auf unserem Lebensweg. Die Seele muss Ruhe finden. Ohne diese Ruhe endet das Leben in der Zerstörung des Menschen,“  so Sigi Götze.

 Der Referent verglich das Brauchtumsjahr mit einer Margerite. In der Mitte ein schön goldenes Rund, die christliche Substanz  und an diesem Rund die weißen Blütenblätter mit den weltlichen Festen des Brauchtums. „Ohne die weißen Blätter stellt die Blüte nichts mehr dar, fehlt aber das Goldeninnere fallen die weißen Blütenblätter  auseinander.“  „Wir haben eine Urangst um das Essen, um ein Dach über dem Kopf, um das Weitergeben von Leben.“  Das Umkreisen sei eine Grundform, die das Leben bestimmt mit  Prozessionen und Umritten, mit dem Tänzen um ein Objekt.  „Im Kreis ist kein Unrein!“  Hinter einer Maske könne man sich verstecken und die Kraft der Maske gehen auf den Träger über.  Dabei noch hüpfen und Springen verstärke die Wirkung. Beim Kult des Stehlens von Maibaum, von Firstbaum oder von der Braut geht es um die Verstärkung der Freude, die das  Zurückbringen mit sich bringt.  Mit Lärm und Poltern – wie das Schnalzen – vertreibe man Bedrohungen.  Der Referent brachte dazu noch viele Beispiele, wie das Sonnwendfeuer,  das Wallfahren oder den Osterbrunnen. Er ging auf die Zahlenmystik ein wie die Zahl 7, die für unendlich steht, oder die Zahl 40, die Nähe zu Gott symbolisiert. Dass dabei auch viel Aberglaube sei, zeige die Zahl 13.

 Große Wichtigkeit legte Götze in die Formeln des Grußes mit  „Grüß Gott“, bei dem man sich die Hand gebe und sich anschaue. Das zeige die hohe Wertschätzung  gegenüber dem zu Grüßenden. „Bei High und Hallo verspüre ich davon nichts“, meinte er. Er ging auf das Hut-Brauchtum bei Mann und Frau ein, den Göd und die Gohn für den Täufling und appellierte daran, den Namenstag in Ehren zu halten. Das Aufwecken des Brautpaares solle nicht in ein Ballern ausarten, so Götze. Für das Maibaumaufstellen und das unweigerlich dazugehörige Stehlen gebe  es inzwischen sogar ein Regelwerk.  „Der Maibaum steht in der heutigen Form mit den von Ort zu Ort unterschiedlichen Schildern seit ungefähr 1820 gleichsam als Visitenkarte des Ortes.“

Götze ging im  zweiten Teil seines Vortrages auf die Vielfältigkeit des mit dem 1. Advent beginnenden Kirchenjahres ein. Das viele Brauchtum rund um Weihnachten mit unter anderem dem Adventkranz, dem Frauentragen, dem Kletzeigehen folgt der Osterfestkreis mit dem Aschekreuz am Aschermittwoch,   den 40 Tagen der Fastenzeit, den Passionssingen und Passionsspielen und der  Karwoche mit Ostern, um nur einiges zu nennen. Viel Augenmerk solle man auf das Gweichtl legen, dem zur Speisenweihe getragen Korb mit dem Osterlamm, Ostereiern, Brot, Butter und Salz und Speck  für das würdevolle Osterfrühstück. 

Sigi Götze hatte in seiner weiteren Aufzählung des vielfältig gelebten Brauchtums über das Jahr für alle Punkte immer wieder kurze Erklärungen parat stellte dabei z.B. die Pferdeumritte  genauso vor wie das Abbrennen der Sonnwendfeuer (ein Elementarkult) oder den Almkirtag.

„Alle Bräuche aber“, so Götze, „unterliegen einem gewissen Wandel, den es zu leben gilt. Denn was starr und steif ist, das stirbt.

Goetze-Auer-Edfelder

v.l. Sigi Götze, Maria Auer und 1. Vorstand Peter Edfelder